Kapitel 3
„Warte Fuchspfote!“, rief Rabenschweif, „Wir gehen nicht sofort.“
Die Schülerin blieb ruckartig stehen und drehte sich verwirrt zu ihr um. Die Kriegerin schnurrte belustigt. „Wir werden fast den ganzen Tag unterwegs sein und deshalb sollten wir vorher noch etwas essen.“ Sie schnappte sich einen Fisch vom Frischbeutehaufen und Fuchspfote tat es ihr nach. Sie beobachtete die Schülerin, wie sie die Frischbeute verspeiste und erneut wurde ihr klar, wie sehr sie die kleine fuchsfarbene Kätzin mochte.
„Ich bin fertig.“ verkündete diese und blickte Rabenschweif erwartungsvoll an.
„Heute werden wir als erstes zur WindClan-Grenze gehen.“, miaute Rabenschweif. „Erinnerst du dich noch an den Weg?“ Fuchspfote nickte begeistert und preschte los. Rabenschweif folgte ihr. Es war nicht weit bis zu der Stelle, wo die zwei Territorien aneinandergrenzten und Fuchspfote fand die Grenze sofort wieder. „Gut gemacht.“ miaute Rabenschweif zufrieden. Auch bei der Überquerung des Flusses hatte ihre Schülerin nicht mehr so viele Schwierigkeiten. Deshalb sagte sie, nachdem sie gemeinsam die Markierungen erneuert hatten: „Komm, lass uns zum See gehen. Dort gibt es meistens viel Beute.“
Aufgeregt folgte Fuchspfote ihrer Mentorin in Richtung Ufer. „So. Und jetzt sag mir, was du riechst!“ forderte Rabenschweif sie auf. Die Schülerin prüfte die Luft und antwortete schließlich mit gesenkter Stimme: „Eine Maus, oder? Da drüben hinter dem Busch!“ Rabenschweif nickte zufrieden. „Gut. Damit werden wir anfangen. Zum Fischen kommen wir später noch. Das ist schwieriger als auf festem Boden zu jagen und du solltest erst noch besser schwimmen können. Beim ersten Mal siehst du mir einfach zu und versuchst, dir alles zu merken, was dir besonders auffällt.“ Als Fuchspfote nickte, schlich Rabenschweif kauernd in die Richtung in der sie die Beute witterte. Fest entschlossen, jetzt nur ja keinen Fehler zu machen, verlagerte sie ihr Gewicht auf die Oberschenkel und glitt geräuschlos über den Boden. Da drehte plötzlich der Wind und sie erstarrte auf der Stelle, um ihren Geruch so gut wie möglich zu verbergen. Mit den Augen suchte den Boden nach dem Tier ab. Sie entdeckte es nur eine knappe Schwanzlänge entfern, nutzte die Gelegenheit und sprang, bevor sich die Maus der nahenden Gefahr bewusst werden konnte. Mit einer Pfote schleuderte sie sie in die Luft und tötete sie mit einem raschen Biss ins Genick. Dann scharrte sie Erde über ihren Fang, um ihn später zu holen und lief zu Fuchspfote zurück. Die kleine Kätzin hatte alles aufmerksam beobachtet und als Rabenschweif sie nach den Jagdtechniken fragte, antwortete sie sicher: „Als du dich der Beute genähert hast, bist du anders gelaufen als sonst. Viel leiser. Wahrscheinlich, damit sie dich nicht hören konnte, oder?“ „Gut aufgepasst!“ erwiderte ihre Mentorin. „Aber es steckt noch mehr dahinter. Eine Maus kann es durch den Boden spüren, wenn du dich anschleichst. Deshalb musst du die Pfoten ganz leicht aufsetzen. Probier das selbst einmal!“
Eifrig sprang Fuchspfote auf die Pfoten und bemühte sich die Haltung nachzuahmen. „Leg all dein Gewicht auf deine Oberschenkel!“ wies Rabenschweif sie an. „Und versuch, die Hinterbeine weicher aufzusetzen!“
Sie übten den ganzen Tag Jagdkauern und Anschleichen und als sie am Abend erschöpft ins Lager zurückkehrten, trug Fuchspfote stolz zwei fette Mäuse im Maul. „Du darfst zu den Ältesten gehen und ihnen deine Beute bringen.“ sagte Rabenschweif zu ihr. Stolz blickte sie der Schülerin nach. Sie hatte sich bei ihren ersten Trainingsstunden wirklich gut geschlagen und würde bestimmt einmal eine fantastische Kriegerin werden.
Rabenschweif schlang schnell ein paar Bissen Fisch hinunter und trottete auf müden Pfoten in den Bau der Krieger, wo sie sich neben Schwalbenschweif ins Nest kuschelte.
„Ich werde deinen Wunsch erfüllen. Ich werde einen neuen Clan gründen.“ miaute Rabenschweif und blickte ihrer Mutter fest in die Augen, deren Gesicht voller Hoffnung leuchtete. Doch dann senkte sie den Blick und sagte: „Rabenschweif... Du musst das nicht machen. Es wird eine lange und schwierige Reise.“
„Ich habe mich entschieden.“ antwortete Rabenschweif entschlossen. „Ich werde nur Maulbeerpfote davon erzählen und sie bitten, mir so viel wie möglich über die Heilkunst beizubringen.“ Blitz strahlte voller Stolz und leckte ihre Tochter liebevoll zwischen den Ohren.
Als die junge Kriegerin wieder aufblickte, befanden sie sich jedoch nicht länger neben ihrem Ginsterbusch, sondern in einem kleinen Tal, in dessen Mitte ein Bach in einen sternenfunkelnden Teich mündete. Kaum hatten sich ihre Augen an das helle Licht gewöhnt, kräuselte sich die Wasseroberfläche, bis in der Mitte ein Strudel entstand. Eine Katze tauchte darin auf und sprang mit einem Satz ans Ufer. Es war ein schlanker muskulöser Kater, dessen silbergraues Fell genauso leuchtete wie das von Blitz. „Ich bin Mond.“ stellte er sich vor und sacht berührte er Rabenschweifs Nase mit der seinen. Glücklich erwiderte sie seine Begrüßung und presste sich gegen den dichten Pelz ihres Vaters. Rabenschweif wollte etwas sagen, aber Mond legte ihr die Schwanzspitze aufs Maul. Er löste sich von seiner Tochter und blickte ernst auf sie hinab. Als er wieder zu sprechen begann, klang in seiner Stimme die gesamte Kraft des SternenClans mit:
Es wird eine Zeit kommen, da Zweie die Vier verlassen,
um neu zu schaffen, was aufgegeben wurde.
Das Gesetz der Krieger wird weitergetragen und soll leben in neuen Pfoten
als Vermächtnis der Sterne.
Die ersten Sonnenstrahlen wärmten Rabenschweifs Pelz und sie öffnete die Augen. Sie schlüpfte aus dem Bau der Krieger, während die Worte der Prophezeiung noch in ihrem Kopf nachhallten. Sie ging auf Nebelfuß zu, die gerade aus Leopardensterns Bau kam. „Nebelfuß,“ begrüßte sie die zweite Anführerin und nickte respektvoll mit dem Kopf. „Kannst du Fuchspfote heute mit zu Morgenpatrouille nehmen? Es wird ihr guttun, gemeinsam mit anderen Katzen zu jagen und ich habe Maulbeerpfote versprochen, ihr mit dem Kräutersammeln zu helfen.“
Die zweite Anführerin hob die Augenbrauen, fragte jedoch nicht weiter nach. „Na gut, aber schließ dich Sonnenhoch der Jagdpatrouille an!“ Rabenschweif neigte den Kopf und lief dann zu Fuchspfote hinüber, um ihr die Nachricht mitzuteilen. Danach trottete sie zum Bau der Heiler. „Hallo Mottenflügel!“ begrüßte sie die Heilerin des Clans. „Guten Morgen Rabenschweif!“ erwiderte die golden gestreifte Kätzin freundlich. „Brauchst du etwas?“
„Nein, danke.“ antwortete Rabenschweif. „Ich suche nur Maulbeerpfote. Ich wollte ihr beim Kräutersammeln helfen.“ „In Ordnung.“ stimmte Mottenflügel ihr zu. „Maulbeerpfote ist bei den Ältesten, um ihnen ein wenig Kamille zu bringen. Sie wird gleich kommen.“ Die Heilerin schnappte sich ein Stück Beute vom Frischbeutehaufen und verschwand in ihrem Bau. Rabenschweif wählte einen kleinen silbernen Fisch und verschlang ihn mit wenigen Bissen. Wenige Herzschläge später kam Maulbeerpfote vom Bau der Ältesten angelaufen. Die beiden Kätzinnen begrüßten sich Nase an Nase. „Können wir los?“ fragte Rabenschweif. „Gleich. Ich muss erst noch etwas essen, sonst verhungere ich noch.“ miaute ihre Freundin und grub die Zähne in eine Wühlmaus.
Als sie fertig war, erhoben sich die beiden Katzen und verließen das Lager. Eine Weile liefen sie schweigend nebeneinander her. Rabenschweif dachte über die Prophezeiung des SternenClans nach. Sie zerbrach sich den Kopf, was mit den Zweien aus Vieren gemeint war.
Vielleicht muss ich ja gar nicht alleine gehen? Sie sah aus den Augenwinkeln zu ihrer Freundin hinüber. Vielleicht soll Maulbeerpfote mit mir kommen…
„Was ist los mit dir, Rabenschweif?“ unterbrach die hellgraue Schülerin ihre Gedanken. „Denkst du an deine Mutter?“ Rabenschweif seufzte. Sie sah sich um, ob jemand in der Nähe war, ließ sich auf einen flachen Stein nahe am See sinken und gab Maulbeerpfote ein Zeichen, sich zu ihr zu gesellen. Als sie nebeneinander am Ufer saßen und auf das Wasser hinuntersahen, begann Rabenschweif zu sprechen. „Ich habe dir von meinen Träumen erzählt.“ sagte sie. „Ich weiß jetzt, warum Blitz mich besucht.“ Und sie erzählte ihrer Freundin alles von dem Wunsch ihrer Mutter, der Prophezeiung und schließlich ihrem Entschluss, den FlussClan zu verlassen. An dieser Stelle sah sie Traurigkeit in Maulbeerpfotes Augen aufglimmen. „Du willst wirklich weggehen?“ fragte die Schülerin leise.
„Ich kann nicht anders.“ miaute Rabenschweif. „Und ich brauche deine Hilfe. Du musst mir beibringen, welche die wichtigsten Heilkräuter sind, damit ich eventuelle Verletzungen oder Krankheiten bekämpfen kann... Bitte! Wenn du mir nicht hilfst...“ Ihre Stimme brach und sie sah Maulbeerpfote flehentlich ins Gesicht. Die Züge kleinen Katze wurden weich, als sie antwortete: „Natürlich werde ich dir helfen, du Mäusehirn! Wenn ich könnte, würde ich dich sogar begleiten, aber der Clan braucht mich.“ Mit einem Mal wurde es Rabenschweif viel leichter ums Herz. Maulbeerpfote würde sie mit ihrer schweren Last nicht allein lassen und dafür war sie ihr unendlich dankbar. Glücklich presste sie ihre Schnauze gegen Maulbeerpfotes Wange. „Ich danke dir.“ sagte sie, als sie sich von ihr löste.
„Ach komm schon. Schließlich sind wir Freundinnen. Es ist doch selbstverständlich, dass ich dich nicht einfach im Stich lassen kann!“ miaute Maulbeerpfote.
Sie überlegte kurz, bevor sie sagte: „Vielleicht solltest du Fuchspfote von deinen Plänen erzählen. Sie ist deine Schülerin und hat ein Recht darauf die Wahrheit zu kennen.“
„Ja, das ist wahr.“ stimmte Rabenschweif ihr zu. „Und jetzt lass uns gehen und nach deinen Kräutern sehen, bevor Mottenflügel sich fragt wo du so lange bleibst. Dabei könntest du mir gleich zeigen, wo man sie am häufigsten findet und wofür sie verwendet werden!“
Während der nächsten Tage fand Rabenschweif kaum Zeit, sich auszuruhen: Zu Sonnenaufgang weckte sie Fuchspfote zum Training und wenn die Beiden schließlich ins Lager zurückkehrten, suchte sie den Heilerbau auf, um sich der Pflanzenkunde zu widmen.
„Mohnsamen und Wacholderbeeren sind zur Beruhigung und Bachminze hilft gegen Bauchschmerzen.“
„Sehr gut, Rabenschweif! Und was verwenden wir bei grünem Husten?“ fragte Maulbeerpfote. Rabenschweif zögerte. „Ähm... Ampfer?“ antwortete sie unsicher.
„Nein. Den Saft von Ampfer kannst du auf wunde Ballen reiben.“ miaute die Heilerschülerin geduldig. „Für grünen Husten brauchst du Katzenminze.“
Enttäuscht ließ Rabenschweif den Kopf hängen. „Ich werde mir das niemals alles merken können!“ sagte sie frustriert. Besänftigend strich Maulbeerpfote ihr mit dem Schwanz über die Flanke. „Du darfst dich nicht so unter Druck setzen. Die meisten der Pflanzen kennst du ja schon und ich bin sicher, dass du dir mit noch etwas Übung auch die restlichen merken kannst. Komm, wir probieren es noch einmal: Weißt du, wozu eine Klettenwurzel gut ist?“
„Sie verhindert die Entzündung von Rattenbissen.“ sagte die Kriegerin zaghaft.
„Genau.“ Sagte Maulbeerpfote freundlich. „Wenn du so weitermachst, kannst du noch vor der nächsten großen Versammlung losziehen. Hast du eigentlich Fuchspfote schon eingeweiht?“
Rabenschweif seufzte. „Ich weiß einfach nicht, wie ich es ihr erklären soll. Ich kann doch nicht einfach hingehen und sagen »Fuchspfote, es tut mir leid, aber ich will den FlussClan verlassen. In Zukunft musst du mit einem neuen Mentor trainieren. « ?“
„Lass uns doch gemeinsam mit ihr reden.“ schlug Maulbeerpfote vor. „Wir werden ihr von der Prophezeiung erzählen. Dann versteht sie bestimmt, warum du deine Aufgabe erfüllen musst.“ Rabenschweif schnurrte dankbar. „Das ist eine gute Idee.“ miaute sie.
Schließlich verabschiedete sie sich von ihrer Freundin und verließ ziemlich erschöpft den Bau der Heiler.
Kurz vor Sonnenaufgang verließ Rabenschweif den Kriegerbau. Bevor sie ihre Reise antrat, wollte sie wenigstens Fuchspfotes erstes Kampftraining miterlebt haben.
Fuchspfote war schon aus ihrem Nest gekrochen und wartete auf sie. „Gehen wir wieder Jagen?“ begrüßte sie sie. „Diesmal nicht.“ antwortete Rabenschweif. „Heute zeige ich dir, wie du dich am besten gegen feindliche Katzen zur Wehr setzt.“ Die Augen der kleinen Schülerin leuchteten vor Aufregung und mit einem Schwanzschnippen gab Rabenschweif ihr zu verstehen, dass sie ihr folgen sollte. Schweigend bahnten sie sich ihren Weg durch Farne und Sträucher, bis sie eine kleine Lichtung erreichten.
Rabenschweif hielt einen Moment inne, um Fuchspfote zu Atem kommen zu lassen, dann kauerte sie sich kampfbereit ihr gegenüber hin und miaute: „Greif mich an!“
Etwas verwirrt, weil ihre Mentorin ohne jede Erklärung mit der Übung begann, duckte sich Fuchspfote zurück, warf einen unsicheren Blick auf Rabenschweif und sprang dann mit einem Satz auf sie zu. Aber Rabenschweif war darauf vorbereitet und wich ihr mühelos aus. Die Schülerin geriet ins Taumeln und bevor sie sich wieder fangen konnte, rammte Rabenschweif sie mit den Hinterbeinen und warf sie zu Boden.
Sie wartete, bis Fuchspfote sich wieder aufgerappelt hatte und sagte dann: „Wie du siehst, nützt es nichts, lange zu warten, bevor man angreift. Es ist ein Vorteil für deinen Gegner und lässt dich schwach und unentschlossen wirken. Außerdem solltest du dir ein bestimmtes Ziel für den Angriff wählen. Pass aber auf, dass du nicht ständig auf die Stelle starrst, sonst verrätst du dich, verstanden?“
„Ja, Rabenschweif.“ miaute Fuchspfote.
„Gut. Dann versuchen wir es jetzt noch einmal.“
Erneut sprang Fuchspfote los, diesmal ohne zu zögern. Sie sah Rabenschweif ins Gesicht, rannte dann aber dicht an ihr vorbei. Rabenschweif wirbelte herum, aber da war die Schülerin schon mit voller Wucht auf ihren Rücken gesprungen und hatte sie umgestoßen. Mit einem Satz war sie über ihr und trommelte ihr mit eingezogenen Krallen gegen den weichen Bauch. Rabenschweif keuchte. Mit aller Kraft drehte sie sich auf die Seite und schleuderte Fuchspfote von sich herunter.
Rabenschweif stand auf und schüttelte sich den Staub aus dem schwarzen Fell. „Sehr gut.“ sagte sie. „Jetzt will ich sehen, wie es mit deiner Verteidigung steht. Mal schauen, was du eben bei mir beobachtet hast.“ Fuchspfote nickte und machte sich bereit. Als ihre Mentorin zum Angriff überging, ahmte sie deren Ausweichmanöver nach, doch Rabenschweif geriet nur kurz aus dem Gleichgewicht. „Nimm noch mehr Schwung!“ riet sie ihr. „Ich bin größer und schwerer als du, das heißt, du musst mich mit Schnelligkeit und List überwältigen.“
Verbissen übten die Beiden weiter und als sie schließlich aufbrachen, stand die Sonne bereits tief am Himmel. „Du hast toll gekämpft Fuchspfote.“ sagte Rabenschweif. „man könnte meinen, du hättest so etwas schon öfter gemacht!“ Stolz reckte Fuchspfote das Kinn. Ihr fuchsfarbenes Fell war schmutzig und zerzaust, aber im Abendlicht leuchtete es wie die untergehende Sonne. Rabenschweif verspürte einen schrecklichen Stich im Herzen, wenn sie daran dachte, dass sie sich bald für immer von ihr verabschieden musste. Aber die Schülerin würde wenigstens die Wahrheit erfahren! Aus einem plötzlichen Impuls heraus hielt Rabenschweif Fuchspfote zurück. „Fuchspfote! Bleib hier und warte auf mich, ich bin gleich zurück.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, wirbelte sie herum und rannte so schnell sie konnte ins Lager. Sie hoffte inständig, dass Fuchspfote ihre Anweisung befolgte während sie weiter durch den Farn jagte, bis sie endlich keuchend vor Maulbeerpfote stand. „Komm mit!“ sagte sie und zuckte ungeduldig mit den Ohren. Fragend hob Maulbeerpfote die Augenbrauen, aber Rabenschweif schüttelte nur den Kopf und stürmte zurück in Richtung Trainingsplatz.
Fuchspfote saß immer noch wo Rabenschweif sie zurückgelassen hatte. Erstaunt hob sie den Kopf, als sie den Geruch der Heilerschülerin erkannte. „Maulbeerpfote? Was...“ hob sie an, aber ihre Mentorin unterbrach sie. „Wir müssen mit dir reden.“ miaute Rabenschweif. „Es ist wichtig!“ setzte sie noch hinzu und sah Maulbeerpfote vielsagend an. Einen Moment lang blickten sie sich unentschlossen an. Dann platzte Rabenschweif heraus: „Ich muss den FlussClan verlassen!“ und gemeinsam mit Maulbeerpfote erzählte sie ihrer Schülerin die ganze Geschichte.
Als sie geendet hatten, sagten alle drei eine ganze Weile gar nichts. Fuchspfote hatte die Augen geschlossen und Rabenschweif hätte sogar geglaubt, sie sei eingeschlafen, wäre da nicht eine schmale Falte zwischen den Augen der Schülerin gewesen, die verriet, dass sie angestrengt nachdachte. Beklommen sah Rabenschweif zu Maulbeerpfote hinüber, doch die zuckte nur die Schultern.
Endlich, Rabenschweif hatte das Gefühl, es sein eine Ewigkeit vergangen, hob Fuchspfote den Kopf und sagte mit fester Stimme: „Ich will mitkommen!“
„Was?“ entfuhr es Rabenschweif. Entgeistert starrte sie ihre Schülerin an.
„Ich möchte mit dir kommen.“ wiederholte Fuchspfote ruhig.
Einen Herzschlag lang ließ sich Rabenschweif von der Vorstellung mitreißen, eine Freundin dabeizuhaben, aber im nächsten Augenblick verwarf sie den Gedanken. „Das geht nicht, Fuchspfote.“ sagte sie bestimmt. „Du bist zu jung und noch keinen Mond Schülerin.“
Wütend sträubte Fuchspfote das Fell. „An Land kann ich gut jagen und du hast vorhin noch selbst gesagt, dass ich gar nicht schlecht gekämpft habe, obwohl das mein erstes Kampftraining war!“ verteidigte sie sich.
„Ich weiß.“ stimmte die junge Kriegerin widerwillig zu. „Aber es wird eine lange Reise werden und ich weiß nicht, ob ich sie jemals zu Ende bringen kann! Es wird viel Ausdauer benötigen und mit Sicherheit ist nicht überall Beute zu finden. Und erst recht keine gepolsterten Schlafnester!“ Müde sah sie in die klaren Bernsteinaugen. „Im FlussClan wirst du das Leben einer Kriegerin führen und immer andere Katzen haben, die für dich da sind. Das will ich dir nicht nehmen.“ Sanft strich sie der kleinen Kätzin übers Fell, aber Fuchspfote schüttelte sie ab. „Hör mir zu, Rabenschweif!“ fauchte sie sie an. „Ich weiß, dass das Ganze gefährlich wird! Und ich möchte trotzdem mitkommen. Ich werde dich bestimmt nicht enttäuschen!“
„Ach, Fuchspfote...“ schnurrte Rabenschweif besänftigend. „Dein Platz ist hier, bei deinen Freunden und deiner Familie. Das darfst du nicht leichtfertig wegwerfen!“
Das Gefühl, keine direkten Blutsverwandten im Clan zu haben, kannte Rabenschweif nur zu gut. Zwar war sie hier aufgewachsen, aber sie hatte sich immer danach gesehnt, ihre Eltern zu kennen. Seit Blitz ihr schließlich im Traum begegnet war, schien es, als hätte sich ein großes Loch in ihrem Innern langsam zu schließen begonnen und sie konnte nicht glauben, dass Fuchspfote dieses Glück einfach so loslassen wollte.
Maulbeerpfote, die bisher nur geschwiegen hatte, schien zu spüren, was in ihr vorging und sagte vorsichtig: „Also, ich denke... Rabenschweif, vielleicht solltest du sie wirklich mitnehmen. Es wäre nicht gut für dich, so lange allein zu sein und du hast mir selbst erzählt wie schnell sie lernt.“ Fuchspfote nickte bekräftigend und fügte noch hinzu: „Wenn du mich nicht mitlässt, laufe ich dir nach! Du kannst mich nicht zwingen, hier zu bleiben!“
„Siehst du.“ miaute Maulbeerpfote. „Und wenn sie dir auf eigene Faust folgt, ist es für euch beide gefährlicher, als wenn ihr zusammen loszieht.“
Rabenschweif seufzte schicksalsergeben. „Mir bleibt wohl keine andere Wahl.“
Sofort sprang Fuchspfote auf die Pfoten. „Versprichst du es?“ fragte sie aufgeregt.
„Ich verspreche es.“ antwortete ihre Mentorin. „Aber dann musst du jetzt noch härter trainieren als bisher, damit du so viel wie möglich lernst. Wir beide müssen das. Maulbeerpfote“, sie nickte mit dem Kopf in Richtung der hellgrauen Kätzin, „wird uns die Grundlagen im Heilen beibringen, damit wir uns selbst bestmöglich versorgen können.“
Fuchspfote nickte. „Können wir uns denn noch von den anderen Katzen verabschieden?“ fragte sie dann. Traurig schüttelte Rabenschweif den Kopf. „Leider nicht. Stell dir vor, was Leopardenstern sagen würde, wenn eine ihrer Kriegerinnen plötzlich verschwinden und obendrein noch eine Schülerin mitnehmen wollte! Sie würden uns im Auge behalten und es uns unmöglich machen, unseren Plan in die Tat umzusetzen. Deshalb darfst du mit niemandem darüber sprechen.“ „Ich verstehe.“ antwortete Fuchspfote. „Und wann werden wir aufbrechen? Wohin gehen wir überhaupt?“ Rabenschweif schwieg betroffen. Darüber hatte sie sich noch gar keine Gedanken gemacht. „Ich... Nun ja, ich hatte gehofft, der SternenClan verrät es mir, aber ich habe Blitz seit der Prophezeiung nicht mehr gesehen.“ Verlegen senkte sie den Blick.
Da ergriff plötzlich Maulbeerpfote wieder das Wort: „Ich hätte vielleicht eine Idee, wie ihr mit dem SternenClan Kontakt aufnehmen könntet. Ich weiß nicht, ob es erlaubt ist, ihr würdet damit ein ziemliches Risiko eingehen...“ sie zögerte. „Nun sag schon!“ drängelte Fuchspfote ungeduldig. Mit einem Blick auf Rabenschweif fuhr Maulbeerpfote fort: „Ich weiß von Mottenflügel, dass Leopardenstern bald zum Mondsee reisen will. Vermutlich wird sie einen der Schüler dazu mitnehmen und dafür kommen nur Fuchspfote und Kieselpfote infrage, weil Fischpfote ihre Reise zum Mondsee schon gemacht hat.“ Langsam dämmerte es Rabenschweif, worauf die junge Heilerin hinauswollte. „Aber...“ fing sie an, aber Maulbeerpfotes Blick ließ sie verstummen.
„Normalerweise würde Leopardenstern sich für Kieselpfote entscheiden, weil er von euch beiden der Ältere ist, es sei denn...“ Maulbeerpfote schluckte, „Es sei denn, Kieselpfote wäre für die Reise nicht stark genug. Ich kann ihm am Morgen »zur Stärkung« einen Fisch vorbeibringen, den ich mit Kräutern präpariere, die ihn sehr müde machen. Er wird glauben, er sei krank und Leopardenstern wird Fuchspfote an seiner Stelle mitnehmen.“
„Und sie kann versuchen, sich mit den SternenClan-Katzen zu treffen.“ vollendete Rabenschweif Maulbeerpfotes Überlegungen. „Das ist Wahnsinn!“ murmelte sie, aber Fuchspfotes Augen glänzten unternehmungslustig. „Ich mach’s!“ rief sie. Maulbeerpfote nickte langsam. „Dann halte dich jeden Tag bereit!“ sagte sie. Doch Rabenschweif hörte, wie sie leise hinzufügte: „SternenClan steh uns bei!“
Fuchspfote war schon vorrausgelaufen und Rabenschweif und Maulbeerpfote trotteten nebeneinander in Richtung Lager. Schließlich fragte die schwarze Kätzin: „Du glaubst, Fuchspfote ist die zweite Katze, nicht wahr? Du glaubst, es ist ihr vom SternenClan vorbestimmt und deshalb wolltest du, dass ich sie mitnehme.“ Maulbeerpfote nickte nur.
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